Scheitern? Keine Schande

So gehen Gründer damit um, wenn aus ihren Ideen nichts wird

Der Weg ins Gründerglück ist nicht jedem vergönnt, der sich selbstständig macht. Mal zündet die Idee nicht, mal reicht das Startkapital nicht aus. Das ist in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta nicht anders als im Rest der Republik. Wir stellen drei ehemalige Gründer vor, die es nicht geschafft haben. Sie wollen anonym bleiben, denn Scheitern gilt häufig als Schande. Immerhin: Alle drei haben aus ihren Fehlversuchen Schlüsse gezogen.

Anke P. schaut auf die Uhr. „Eine alte Angewohnheit", sagt sie entschuldigend. Zeitmanagement, das war eines ihrer großen Probleme, nachdem sie sich vor Jahren mit einem Restaurant selbstständig gemacht hatte. Das Lokal kannte sie gut, denn sie war dort zuvor neun Jahre als Serviceleiterin tätig gewesen. Die Gäste mochten sie, mit den Kolleginnen und Kollegen kam sie gut klar. Aber kaum hatte sie das Kommando übernommen, verließ sie ihr Koch. Und die Probleme begannen.

„Ich habe keinen vernünftigen Ersatz gefunden", blickt P. zurück. Also wurde improvisiert. Folge: Die Qualität des Essens ließ nach, enttäuschte Gäste kamen nicht wieder, das Loch in der Kasse wurde größer und größer. „Und meine Arbeitszeit immer länger", erinnert sich die Mittvierzigerin, die heute in Vechta lebt. Sie versuchte, alles selbst zu regeln, überschätzte ihre Fähigkeiten und gab schließlich entnervt auf.

War das eine Niederlage? Fühlt sie sich als Loser? Anke P. schüttelt den Kopf. „Nein, das nicht. Ich habe daraus gelernt." Vor allem weiß sie heute, dass guter Wille allein nicht reicht, um ein Unternehmen zu führen. „Mein Koch hatte vorher schon mal erwähnt, das Haus verlassen zu wollen. Ich habe das nicht richtig gedeutet." Und sie habe auch niemanden gehabt, mit dem sie sich in der kritischen Phase beraten konnte. So verpasste sie es, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Ihre wichtigste Erkenntnis: „Ich habe gedacht, es geht so weiter wie als Angestellte. Aber Unternehmerin sein, das ist etwas völlig anderes."

„Kohle frisst Idee", so die bittere Erkenntnis eines Gründers, der es nicht geschafft hat.

Ganz anders liegt der Fall bei Daniel T. „Unser Geschäftsmodell war noch nicht ausgereift", sagt er heute. Mit einer Online-Plattform hatten er und ein Schulfreund sich 2016 selbstständig gemacht. Darüber, was darauf passieren sollte, will er heute nicht mehr sprechen. Nur so viel: „Die Idee war gut, aber sie war nicht einzigartig." Im Klartext: Es gab starke und finanzkräftige Konkurrenten. Daniel T. und seinen Geschäftspartner störte das zunächst nicht. Sie glaubten an ihr Konzept, arbeiteten rund um die Uhr für den Erfolg. Am Ende vergebens.

„Kohle frisst Idee", stellte T. ernüchtert fest. Man müsse sich nur mal die Werbebudgets anschauen, die auf der einen Seite ihm und auf der anderen den Mitbewerbern zur Verfügung gestanden hätten. Inzwischen weiß der 33-Jährige, dass er den Sprung in die Selbstständigkeit zu früh gewagt hat. „Wir hätten noch mehr am Produkt feilen und nach dem USP suchen müssen."

Zurzeit arbeitet T. als Angestellter in Cloppenburg. Den Traum davon, sein eigener Herr zu sein und das Feld noch einmal von hinten aufzurollen, hat er aber noch nicht aufgegeben. Gescheitert sei er schließlich nicht, meint er, „das Timing hat halt nicht gestimmt". Wenn sich die Chance ergibt, will er wieder zugreifen. Dass er noch heute Privatdarlehen aus seiner ersten Gründung zurückzahlen muss, hält ihn nicht von seinen Überlegungen ab. „Meine Kumpel haben Geduld."

Scheitern wird als eine Erfahrung betrachtet. Als eine von vielen.

„Das Kribbeln ist immer noch da", verrät auch Merle B. Sie hat sich schon früh vom Gründerfieber anstecken lassen. Mit 19 habe sie schon die ersten Pläne gehabt, später nach dem Studium kamen weitere hinzu. Realistischere, wie sie meinte. Nach dem guten Zureden von Freunden entschied sie schließlich: Los geht's! Ihre Idee: Sammelalben für Klebebilder im Stil der Hefte, die regelmäßig zu den großen Fußballturnieren erscheinen. Bei ihr sollte es um die Sehenswürdigkeiten von Städten und Gemeinden gehen – die Kirchen und Plätze, die Brunnen und Parks.

Bezahlen sollten dafür die Kommunen, Merle B. wollte sich mit ihrem Team um die Produktion und – sie sagt es genau so – „später mal den Vertrieb" kümmern. Den größten Konstruktionsfehler übersah sie: Die Akquise war mühsam und teuer, viele kostspielige Besuche vor Ort standen an und fast alle Bürgermeister und Touristiker wollten ein vorproduziertes Muster sehen. Zudem erwies sich das Produkt als extrem erklärungsbedürftig. „Ich habe fast ein Jahr gebraucht, bis ich das erkannt habe", sagt die Lohnerin heute.

Dennoch sieht auch Merle B. sich nicht als Verliererin. Sie habe etwas versucht, das habe nicht geklappt, betont sie. „Das Leben besteht aus Erfahrungen, das war eine davon." Und ja, sie habe Fehler gemacht und Dinge nicht beachtet, vielleicht auch manches zu lax gesehen. „Aber wenn ich es nicht versucht hätte, würde ich mich heute noch ärgern." Ist sie gescheitert? „Keineswegs. Eine Sache hat nicht funktioniert, viele andere in meinem Leben dagegen schon."